Umschulung durch die ARGE/ das Jobcenter

Jobcenter in Hannover. Foto: Bernd Schwabe/ wiki commons

Jobcenter in Hannover. Foto: Bernd Schwabe/ wiki commons

Umschulung, Weiterbildung und die Herausforderung lebenslangen Lernens

War es bis in die 1990er Jahre hinein noch durchaus üblich, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von der Ausbildung bis zur Rente in ein und demselben Betrieb oder zumindest in einer Branche tätig waren, ist diese Form von Berufsbiographie in unserer Gesellschaft heute eher unüblich geworden. Die Tatsache, dass sich eine stetig wachsende Zahl von Personen im Erwachsenenalter noch einmal ganz neu am Arbeitsmarkt orientieren und einen zweiten Berufsweg einschlagen muss, stellt den Einzelnen vor große Herausforderungen, bietet ihm zugleich aber auch neue Chancen, die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, neue Talente an sich zu entdecken und neue berufliche Erfahrungen zu sammeln, die auch als persönliche Bereicherung empfunden werden können.

Die Gründe für eine solche berufliche Weiterbildung bzw. Umschulung sind dabei vielfältig: In vielen Fällen spielen gesundheitliche oder psychische Probleme eine Rolle, die eine weitere Tätigkeit im ursprünglichen Beruf unmöglich machen (bspw. im Bauwesen, aber auch im Pflegebereich), oft ist aber auch die veränderte wirtschaftliche Lage und der Mangel an Arbeitsplätzen in bestimmten Branchen, die bis vor wenigen Jahren noch relativ solide waren, selbst das Problem.



Die Politik hat auf die Tatsache, dass lebenslanges Lernen heute wichtiger denn je geworden ist, Flexibilität vom Einzelnen gefordert ist und es einen steigenden Bedarf an Weiterbildungsangeboten und Umschulungen gibt, auf verschiedene Weisen reagiert und neue Möglichkeiten geschaffen, damit Maßnahmen zur beruflichen Weiterbildung und Umschulungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bzw. Arbeitssuchende durch die ARGE bzw. das Jobcenter gefördert werden können. Hier können Sie sich übersichtlich über die wichtigsten Voraussetzungen, die es hierbei zu beachten gilt, sowie über den Ablauf der Beantragung einer Kostenübernahme sowie über die Suche nach einer geeigneten Weiterbildungsstätte informieren.

 

Voraussetzungen einer Kostenübernahme für eine berufliche Weiterbildung oder Umschulung durch die ARGE bzw. das Jobcenter

Wenn Sie sich für die Möglichkeit einer Umschulung bzw. beruflichen Weiterbildung interessieren und dabei die staatlichen Finanzierungshilfen in Anspruch nehmen möchten, ist es zunächst wichtig, dass Sie sich frühzeitig an die ARGE bzw. das Jobcenter wenden und sich dort persönlich beraten lassen, in jedem Falle aber vor Beginn der Teilnahme an der Maßnahme oder der Umschulung Ihrer Wahl. Eine rückwirkende Erstattung der Kosten ist nämlich im Regelfall nicht vorgesehen.

Ihr Sachberater wird bei Ihrem Beratungstermin dann das Vorliegen der Voraussetzungen für eine Förderung im Rahmen der „Bildungsprämie“ bzw. des sogenannten „Bildungsgutscheins“ prüfen. Berufstätigen wird dabei ausdrücklich empfohlen, den bisherigen Arbeitsplatz nicht vor dieser Prüfung und der schriftlichen Bestätigung der Kostenübernahme durch die ARGE bzw. das Jobcenter zu kündigen.

 

Die Bewilligung der Kostenübernahme hängt dabei wesentlich von den folgenden Faktoren ab:

1. Notwendigkeit der Umschulung/ Weiterbildung aufgrund von Qualifikationsdefiziten

Um die Übernahme der Kosten für die von Ihnen gewünschte Weiterbildungsmaßnahme bewilligt zu bekommen, muss Ihr Berater zunächst feststellen, dass ein bestimmtes Qualifikationsdefizit auf Ihrer Seite vorliegt, das durch die Weiterbildungsmaßnahme zielgenau behoben werden kann und dass Sie dadurch außerdem Ihre Chancen auf eine (Re-) Integration in den ersten Arbeitsmarkt deutlich verbessern können.

Das bedeutet, dass die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes in dem von Ihnen angestrebten Segment geprüft werden muss, Ihre persönliche Eignung für diesen Bereich festgestellt und die Wahrscheinlichkeit abgewogen werden muss, dass Sie nach Abschluss der Umschulung bzw. Weiterbildungsmaßnahme auch wirklich einen neuen Arbeitsplatz bekommen bzw. langfristig in Ihrem jetzigen Bereich erfolgreich tätig bleiben können. Um herauszufinden, ob der von Ihnen erwogene Berufswechsel angesichts der Entwicklungen des Arbeitsmarktes überhaupt ratsam ist oder ob es noch andere diesbezügliche Möglichkeiten gibt, empfiehlt es sich, vorab mit Ihrem Berater Kontakt aufzunehmen.

 

2. Obligatorische Beratung durch die ARGE bzw. das Jobcenter

Ob eine Förderung in Anbetracht dieser Faktoren möglich ist, entscheidet sich in einem oder mehreren persönlichen Beratungsgesprächen mit Ihrem Sachberater, der auch Ihre persönlichen Eignungsvoraussetzungen genau zu prüfen hat. Suchen Sie deshalb das Jobcenter bitte frühzeitig auf. Sollte ein Wechsel Ihres bisherigen Berufs aufgrund damit verbundener körperlicher oder psychischer Beschwerden notwendig geworden sein, kann die ARGE möglicherweise zusätzlich ärztliche oder psychologische Untersuchungen anordnen.

Wer und was kann konkret gefördert werden? „Bildungsprämie“ und „Bildungsgutschein“

Durch einen sogenannten „Prämiengutschein“ gefördert werden können Erwerbsttätige sowie Rückkehrer in den Beruf (etwa nach Arbeitslosigkeit, aber auch Mütter und Väter nach der Elternzeit), deren zu versteuerndes Jahreseinkommen unter 20 000 Euro bei Ledigen bzw. 40 000 Euro bei gemeinsam Veranlagten liegt. Diese haben dabei einen Anspruch auf eine Förderung für Weiterbildungsmaßnahmen bis max. 500 Euro, und zwar ein Mal alle zwei Jahre. Der “Prämiengutschein” kommt also für Sie insbesondere dann in Frage, wenn Sie sich lediglich in ihrem bisher ausgeübten Berufszweig ‘auf den neuesten Stand’ bringen und sich in diesem Bereich weiterqualifizieren möchten.

Aber nicht nur solche kurzfristigen und relativ preiswerten Maßnahmen für Erwerbstätige und Berufsrückkehrer können gefördert werden, auch die Kosten für längerfristige und kostenintensive Umschulungen, die eine grundlegende Neuorientierung am Arbeitsmarkt ermöglichen sollen, können von der ARGE bzw. dem Jobcenter unter bestimmten Voraussetzungen übernommen werden. Anspruch auf eine Förderung beruflicher Weiterbildung nach SGB III und SGB II haben zunächst Arbeitslose und Arbeitssuchende. Diese können einen sogenannten „Bildungsgutschein“ beantragen.

Um einen Bildungsgutschein zu erhalten, müssen Sie dabei in der Regel entweder bereits über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen oder mindestens drei Jahre Berufserfahrung vorweisen können. Sollte sich herausstellen, dass Sie einen rechtlichen Anspruch auf eine Förderung der von Ihnen gewünschten Umschulung bzw. Weiterbildungsmaßnahme haben, erhalten Sie dann einen sogenannten „Bildungsgutschein“, der eine bestimmte Gültigkeitsdauer hat, regional und/oder zeitlich eingeschränkt sein kann und den Sie zur Vorlage beim Träger Ihrer gewünschten Weiterbildungsmaßnahme nutzen können.
Der Bildungsgutschein garantiert Ihnen nicht nur die Übernahme der Kosten nach den angegebenen Kriterien, sondern – das ist besonders wichtig, kann doch insbesondere bei Vollzeitumschulungen nur begrenzt einer Nebentätigkeit nachgegangen werden – auch die Fortzahlung des Arbeitslosengeldes während der Dauer Ihrer Weiterbildungsmaßnahme.

 

Die Suche nach einer Weiterbildungseinrichtung

Bei der Wahl Ihrer Weiterbildungseinrichtung ist es unbedingt notwendig, dass Sie sehr genau darauf achten, dass es sich um eine akkreditierte, das heißt staatlich zugelassene, fachkundige und erfahrene Stelle handelt, denn nur dann kann eine Übernahme der Kosten durch die ARGE bzw. das Jobcenter erfolgen. Sowohl der Träger als auch die jeweilige Maßnahme (der spezielle Kurs, den Sie absolvieren möchten) müssen vor der Einreichung Ihres Bildungsgutscheins akkreditiert sein. Wenden Sie sich im Zweifel an die Einrichtung Ihrer Wahl oder direkt an die ARGE.

 

Anlaufstellen und offizielle Informationen im Internet: Kursnet und BIBB

Die offizielle Anlaufstelle der ARGE im Internet ist das Portal für berufliche Aus- und Weiterbildung „Kursnet“. Hier finden Sie mit wenigen Klicks alle Angebote, bei denen eine Förderung mit Bildungsgutschein möglich ist, in Ihrer Region auf einen Blick. Setzen Sie dazu in der Suchmaske auf der Startseite einen Haken bei dem Kästchen „Nur Angebote mit Bildungsgutschein“, nachdem Sie die gesuchte Branche und den gewünschten Veranstaltungsort eingegeben haben. Genauere Angaben finden Sie außerdem in dem Leitfaden zur beruflichen Weiterbildung der ARGE.

Eine erste Orientierung auf dem stetig expandierenden und nicht nur für Laien inzwischen doch sehr unübersichtlichen Weiterbildungsmarkt finden Sie auch beim BIBB, dem Bundesinstitut für Berufsbildung. Das BIBB bietet Interessierten unter anderem eine umfangreiche Checkliste zur Qualität beruflicher Weiterbildung. Sie finden diese online hier. Oft empfiehlt es sich aber, die anvisierte Weiterbildungseinrichtung direkt aufzusuchen und sich vor Ort persönlich mit den Leitern und/oder Lehrkräften zu beraten.

 

Der Ablauf auf einen Blick

  1. Informieren Sie sich bei der ARGE und im Internet über den von Ihnen angestrebten Beruf. Suchen Sie evtl. bereits nach Praktikumsmöglichkeiten und schnuppern Sie nach Möglichkeit vorab schon einmal in das neue Tätigkeitsfeld hinein, um sicherzugehen, dass dieser Job wirklich der Richtige für Sie ist.
  2. Informieren Sie sich über Lehrpläne und Lerninhalte in der von Ihnen ausgewählten Weiterbildungsmaßnahme. Sind Sie den Anforderungen gewachsen, entsprechen die Inhalte Ihren Interessen?
  3. Vereinbaren Sie einen Termin mit Ihrem Berater bei der ARGE bzw. dem Jobcenter. Setzen Sie ihn oder sie dabei bereits im Vorfeld über ihren Weiterbildungswunsch in Kenntnis. Ihr Sachbearbeiter wird dann gemeinsam mit Ihnen die Arbeitsmarksituation sowie Ihre persönliche Eignung für den gewünschten Beruf analysieren, und Ihnen, sofern die Anforderungen erfüllt sind, einen Bildungsgutschein ausstellen.
  4. Suchen Sie im KURSNET nach einer geeigneten, akkreditierten Weiterbildungseinrichtung, die den Kurs Ihrer Wahl anbietet. Beachten Sie dabei auch den jeweiligen Kursbeginn. Achtung: Der Bildungsgutschein ist normalerweise nur 3 Monate gültig. Besprechen Sie dies rechtzeitig mit Ihrem Sachbearbeiter.
  5. Lösen Sie den Bildungsgutschein bei der Stelle Ihrer Wahl ein. Vorab ist es oft ratsam, sich einen persönlichen Eindruck von der Einrichtung zu machen. Nutzen Sie dazu auch die Beratungsangebote der jeweiligen Einrichtungen.

 

Tipps zur Bewilligung der Kostenübernahme und zur Bewältigung der Umschulung
Insbesondere wenn Sie einen grundlegenden Berufswechsel anstreben und sich zu diesem Zweck mithilfe des Bildungsgutscheines eine längerfristige Umschulung finanzieren lassen möchten, ist es von entscheidender Bedeutung, dass Sie sich vorab gut auf die Beratungsgespräche mit Ihrem Sachberater vorbereiten.

  • Begründen Sie zunächst, warum Sie in ihrem ursprünglichen Beruf nicht mehr tätig sein können und wollen: Oft spielen hierbei die veränderte Lage auf dem Arbeitsmarkt, die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber auch gesundheitliche Probleme und psychische Belastungen im eigentlich gelernten Beruf eine Rolle.
  • Informieren Sie sich auch über die Anforderungen des künftig angestrebten Berufs, die konkreten Tätigkeitsfelder und Arbeitsmarktchancen.
  • Überlegen Sie sich, warum Sie glauben, dass Sie erfolgreich in dieser Branche tätig werden können, welche Fähigkeiten Sie hierzu bereits mitbringen und während der Umschulung entwickeln können und an welche Vorkenntnisse und beruflichen Vorerfahrungen Sie anknüpfen können. Einen ersten Anlaufpunkt für weitergehende Informationen bietet hier das Berufenet der ARGE. Je informierter Sie in das Gespräch mit Ihrem Berater von der ARGE bzw. dem Jobcenter hineingehen, desto besser stehen die Chancen, dass die Übernahme der Kosten für die gewünschte Umschulung bzw. berufliche Weiterbildungsmaßnahme bewilligt wird. Dabei sind auch Faktoren wie die persönliche Mobilität entscheidend, insbesondere in Branchen, die regional nicht stark vertreten sind.
  • Wären Sie bereit, für Ihren neuen Job umzuziehen oder zu pendeln? Auch über diese Frage sollten Sie sich vorab klar werden. Einen weiteren großen Vorteil haben Interessenten, die bereits Erfahrungen im von ihnen gewünschten Bereich sammeln konnten, bspw. durch betriebliche Praktika. Hier können Sie auch berufliche Kontakte knüpfen, die sich bei einer späteren Jobsuche auszahlen können.

Im Erwachsenenalter noch einmal gleichsam ‚von vorn‘ zu beginnen, kann für viele Menschen eine große Herausforderung darstellen. Denn die Schulzeit liegt hinter ihnen, und das Lernen fällt vielleicht schwerer als früher und ist anfangs ungewohnt.

Oft müssen auch die Ansprüche des Partners und/oder der Familie mit den neuen Anforderungen vereinbart werden. Hier hilft es oft, Arbeits- und Lerngruppen mit den anderen Kursteilnehmern zu bilden, die im selben Boot sitzen, und Beratungsangebote der ARGE und der jeweiligen Weiterbildungseinrichtung wahrzunehmen.

Oft sind die jeweiligen Institutionen nämlich auf diese besonderen Schwierigkeit bereits eingestellt und können mit den Teilnehmern gemeinsam Lernstrategien und Strategien des Zeitmanagements erarbeiten.